Ein Gedicht, meinen Großeltern gewidmet.
minus 4
Voller Spuren.
Das Leben.
Augen, die ähneln.
Hände, die ähneln,
Namen, die ähneln.
Voller Vergangenheit.
Das Leben.
Augenblicke, die erinnern,
Begegnungen, die erinnern,
Geschichten, die erinnern.
Voller Zukunft.
Das Leben.
Worte, die begleiten,
Erfahrungen, die begleiten,
Weisheiten, die begleiten.
Voller Endlichkeit.
Das Leben.
Jahre, die gehen.
Menschen, die gehen.
Generationen, die gehen.
Auch er ist nicht mehr.
Was fehlt, sind vier,
ohne die ich nicht wär.
Wer mich kennt, weiss, dass meine absolute Leidenschaft den Berliner Bussen und Bahnen gehört. Keine Ahnung, ob es an den DB-Genen meines Vaters liegt oder ob ich es aus Kommunikationssicht einfach nur faszinierend finde. Prinzipiell ist es ja auch egal. Busse und Bahnen sind einfach mehr als Transportmittel. Sie sind soziale Orte, an denen fremde Menschen sich einen kleinen, sauerstoffarmen Raum teilen – teilen, um gemeinsam aber einsam zu denken, trauern oder träumen.
Als Vorarbeiten zu einer Projekt-Idee sind in meiner Schublade Texte entstanden… einen poetischen ziehe ich heute mal hervor. Eine Beschreibung einer Situation, wie sie alle kennen müssten, die nicht mit dem Auto unterwegs sind…
Viel Spaß damit und gerne Feedback!
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Gegenüber
_Schnell
rast das Leben an mir vorbei.
Es stoppt, geht weiter.
Mal schnell, mal langsam.
Ich sitze verkrampft da,
die Hände im Schoß zusammengefaltet.
_Alleine
bin ich nicht.
Auf der Reise von A nach B,
begleitet von vielen anderen Menschen
auf engem Raum
alle um mich herum.
Sie sind so fremd.
_Gegenüber
von mir sitzt ein junger Mann.
Er schaut mich an.
Ich kann es sehen, im Fenster.
Ich schaue zurück.
Meine Hände schwitzen.
_Schön
sieht er aus, hübsches Gesicht.
Wie mag er heißen, wie alt ist er?
Unsere Blicke treffen sich.
Immer wieder neu.
Ein kurzes Lächeln,
er hat Grübchen dabei.
_Unsicher.
geh ich mir durchs Haar,
schaue heraus.
Er schaut mich noch immer an,
ich spüre es, gucke aber nicht hin.
Stattdessen suche ich meine Uhr.
_Bilder
malen meine Gedanken.
Ich sehe ihn und mich am Abend.
Trinken -lachen – tanzen.
Er ist bestimmt höflich.
Und einen guten Stil hat er auch.
Er gefällt mir.
_Immer wieder
treffen unsere Blicke sich.
Mal kurz, mal länger.
Das Lächeln hält an,
jetzt lächle auch ich.
Es kommt mir ewig lange vor.
_Lange
muss ich nicht mehr fahren.
Zwei Stationen, dann bin ich da.
Ich möchte raus.
Nein, möchte ich nicht.
Wie heißt er bloß?
Ich sag jetzt einfach was.
_Direkt
in die Augen schaut er mir nun.
Sein Mund bleibt stumm,
seine Hände wippen auf den Beinen.
Ich schlucke tief,
mein Atem verstummt für kurze Zeit.
_Fragen
schießen durch meinen Kopf.
Spreche ich ihn an?
Sage ich gleich Tschüß?
Bleib ich einfach sitzen und warte ab?
Wäre ich überhaupt sein Typ?
Wie ist wohl seine Stimme?
_Unangenehm
wird mir die Situation.
Ich öffne meinen Mund,
hole tief Luft.
Ob er mich atmen hören kann?
Mir ist heiß.
_Stop
habe ich gedrückt.
Nachgedacht habe ich nicht.
Ein Reflex- ich stehe auf.
Tief schauen wir uns in die Augen.
Seine Hände scheinen etwas sagen zu wollen.
Dann bin ich raus.
_Draußen
blicke ich zur Seite.
Wo mag seine Reise enden?
Mein Herz läuft und läuft.
Meine Beine nicht.
Ich stehe da.
Ich bin verwirrt.
_Vorwürfe
mache ich mir.
Schon wieder nichts getan.
Er hat auch nichts gesagt.
Einfach wäre es gewesen.
Vielleicht wären wir bald ein Paar.
Wahrscheinlich aber nicht.
_Lächelnd
denke ich darüber nach.
Mein Körper ist nicht mein Kopf.
Die Stille zwischen ihm und mir,
sie war so intensiv,
Nahrung für meine Gedanken.
Appetit habe ich bekommen.
Morgen sitze ich wieder in der U5.
Und schaue mich um.
Wem es gefällt: Hier das Gedicht as PDF downloaden.
Am Wochenende war es wieder soweit: Ich war in der Heimat. Man fährt hin, hat Termine, trifft Menschen. Man fühlt sich als Besuch und herzlich empfangen, frei und vertraut. Man erlebt die Familie und Freunde in enger Harmonie mit ihrem Zuhause. Dann kehrt man zurück und ist für ein paar Stunden völlig zerstört, innerlich zerrissen, wankend, welche Hand man ergreifen soll, die an den eigenen Armen klammert. Und dann im Securitybereich am Flughafen macht es „PENG“ und die Tränen schießen einem in die Augen. Man ist alleine und geht zurück in die Ferne. Und keiner kann es richtig verstehen. Das Herz verkrampft sich für einige Zeit, der Klos im Hals wird spürbar unangenehm und man hält den Kopf in den Händen, die Hände im Schoß und den Schoß unter der Tasche. Auf den Besucherstühlen in der Abfertigungshalle ist man mit diesem Gefühl nicht alleine. Da sind einige in tief melancholischen Gedanken versunken, ringen mit ihren Tränen oder lassen sie einfach laufen. Es herrscht eine frei gewählte Traurigkeit. Dann hebt man ab, schaut dem Dom und dem Rhein noch so lange hinterher, bis sich die Wolken darüber schieben und dann kehrt sich das Gefühl in einem. Man schaut nach vorne, ist innerlich neugierig, was einen wieder erwartet und auf einmal beruhigen sich Herz und Kopf. Die Arme, die an einem zerren, liegen hinter einem und die Sehnsucht nach der Heimat macht sich als etwas friedliches in einem breit. Von Augustinus stammt das Zitat „Die Sensucht gibt dem Leben die Tiefe“ – ein wundervoller Satz voller Wahrheit. Seitdem ich meine Heimat verlasen habe, blicke ich ganz anders auf die Menschen, die dort noch leben, die Ereignisse, die dort geschehen, auf die Gespräche, die dort geführt werden. Ich habe gelernt zu vermissen, Beziehungen zu pflegen, sich in Geduld zu üben und Familie als Halt zu genießen. Die Arme, die an mir zerren, werden immer schwerer, aber sie tun mir nicht gut. Denn sie zerren an der Person, die sie haben gehen lassen. Ohne zu schätzen, was sie heute erfüllt. Die Sehnsucht wäre weg, wenn man wieder zurückginge. Dann wäre alles leicht und oberflächlich, unintim und transparent. Ohnehin wäre nichts mehr so, wie es mal früher war. Die Zeit rennt mit uns. So lebe ich mit der Tiefe im Leben und warte auf den Tag, an dem sich meine Sehnsüchte erfüllen… Bis dahin bleibt Heimat ein Gefühl. Man kann es nur in Gedanken leben.